Gesellschaft

Kirchliches Leben wird sich tiefgreifend verändern

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Wiener Theologe Zulehner rechnet mit "Kirchenbauvereinen" in Gemeinden

Das kirchliche Leben "wird sich tiefgreifend verändern, weil die Zeit, in der die Kirchenmitgliedschaft gleichsam kulturell-schicksalshaft war, endgültig vorbei ist": In welche Richtung diese Veränderungen gehen könnten - und sollten -, hat der Wiener Pastoraltheologe Paul Zulehner in der aktuellen Ausgabe der Linzer "KirchenZeitung" skizziert. Er rechnet u.a. damit, dass es in Zukunft verstärkt "Kirchenbauvereine" geben wird, die Kirchen in ihrer Gemeinde erhalten wollen, weil sie Teil ihrer Identität sind.

Auch in früheren Zeiten wurden aus dieser Motivation heraus viele Kirchen durch das Engagement von gläubigen Menschen gebaut, wies Zulehner hin: 'Ich glaube, dass die Erhaltung der Kirchen wieder in die Hände der Leute übergeht.'

Heutzutage allerdings mit flexibleren weltanschaulichen Grenzlinien: Die Erfahrungen in Ostdeutschland zeigen laut dem Wiener Theologen und Religionssoziologen, dass in den entsprechenden Vereinen auch Atheisten und Kommunisten mitarbeiten.

Studie legt Zahlen zur künftigen Entwicklung vor
Anlass für das Interview mit Zulehner war eine neue, vom Integrationsfonds beauftragte Studie über die gegenwärtige und künftige religiöse Landschaft Österreichs. Bis 2046 werde der Katholikenanteil an der Bevölkerung auf 42 bis 47 Prozent sinken, jener der Konfessionslosen und Muslime dagegen deutlich ansteigen, so die zentralen Ergebnisse.

Wir tragen vielfach noch die Bilder einer zahlenmäßig starken Kirche in uns. Aber es geht nicht nur um Zahlen, so Paul Zulehner. Er wünsche sich selber "sehr eine Großkirche, und ich glaube auch nicht, dass die Kirche schrumpfen muss. Aber wenn sie so weitermacht wie bisher, wird sie weiter schrumpfen".

Evangelium so vorleben, dass es für die Menschen attraktiv ist
Der Knackpunkt in den Augen des Wiener Theologen: Die Kirche müsse ihre Seelsorge tiefgreifend verändern und den Menschen das Evangelium so vorleben, dass es für sie attraktiv ist. "Dann werden sie sich auch in die Kirche einwählen."

Warum keine "nebenberuflichen Pfarrer"?
Als großes Manko empfindet es Zulehner, dass die Kirche "den Priestermangel nicht meistert". Dabei hätte sie "alle Möglichkeiten, zum Beispiel Ehrenamtliche, Verheiratete, gut ausgebildete oder neu auszubildende Leute zu weihen". In Zukunft werde es neue Fantasie und Beweglichkeit auch in dieser Frage geben müssen: Wie kommt man zu mehr Priestern? Zulehner verwies auf den Vorschlag eines Bischofs in Südafrika, die Gemeinden sollen ihm jeweils drei Leute zur Weihe präsentieren. Der Bischof könnte dann "ein Team von gemeindeerfahrenen Personen ordinieren, die nebenberuflich Pfarrer sind".

Kirche ist keine religiöese Konditorei
Nichts abgewinnen kann der Pastoraltheologe der These, der Schrumpfungsprozess erfordere den Rückzug der Kirche auf ihre "Kernaufgaben" Liturgie und Verkündigung: "Das ist mit der Bibel nicht zu machen, weil wir in der Liturgie zu Fuß-Waschern verwandelt werden", hielt Zulehner dem entgegen. "Das heißt: Wir werden hinausgeschickt, um wie Jesus an die Ränder der Gesellschaft zu gehen." Die jesuanische Vorgabe sei völlig klar: Man solle Gott und den Nächsten lieben. Zulehner wörtlich:

Wer dieses Gebot halbiert und die Nächstenliebe wegstreicht, weil es angeblich keine Leute mehr gibt, die das machen, der zerstört die Kirche und verkürzt die Sonntagsmesse zu einem religiösen Konditoreibesuch am Sonntag.

erstellt am 2017-08-22 um 05:25:19 von Kurt Schmidl